Bachs lebenslange Baustelle

Nur wenige Werke Johann Sebastian Bachs haben eine so verwickelte Geschichte wie die Johannespassion. Es existieren vier Fassungen (I bis IV) sowie eine Reinschrift von Bachs eigener Hand aus dem Jahr 1739, die allerdings nur die ersten zehn Sätze umfasst. Fast seine gesamte Leipziger Zeit hindurch, von 1724 bis kurz vor seinem Tod im Jahr 1750, beschäftigte sich Bach immer wieder mit diesem Werk. Und doch singen wir keine dieser Fassungen.

Fassung I (1724)

Bach hatte genügend Zeit, die Johannespassion zu komponieren: Vom ersten Fastensonntag bis zur Karwoche, in der «stillen Zeit» («tempus clausum»), wurde in Leipzig fast keine Kirchenmusik aufgeführt. Ob Bach das Werk völlig neu schrieb oder einzelne Sätze aus einer möglichen früheren Passion von 1717 übernahm, ist nicht geklärt.

Von dieser Fassung ist leider nur wenig erhalten: die Stimmen der ersten und zweiten Geige, die Continuo-Stimme und die Ripieno-Stimmen (Chor). Auch die Instrumentation ist unklar. Die Fassung lässt sich daher kaum rekonstruieren. Anhand der Continuo-Stimme lässt sich aber schliessen, dass sie im Grundriss fast mit Fassung IV übereinstimmt.

Aufgeführt wurde sie am Karfreitag in der Nicolaikirche in Leipzig.

Fassung II (1725)

Schon ein Jahr nach der Uraufführung überarbeitete Bach die Johannespassion substantiell, obwohl er mit der Komposition seines Choralkantaten-Jahrgangs voll ausgelastet war. Den Eröffnungs- und den Schlusssatz ersetzte er durch grosse Choräle: «O Mensch, bewein dein Sünde gross» und «Christe, du Lamm Gottes». Damit verschwand das Bild Christi als König aus der ersten Fassung. Den Eröffnungschoral verwendete Bach 1736 erneut, nämlich als Schlusschoral des ersten Teils der Matthäuspassion.

Im ersten Teil fügte er die Arie «Himmel reisse, Welt erbebe» ein, und die Arie «Ach, mein Sinn» ersetzte er durch «Zerschmettert mich, ihr Felsen und ihr Hügel». Die Arien «Betrachte» und «Erwäge» entfielen, weil sie sich ausdrücklich auf den ursprünglichen Eröffnungschor bezogen. An ihre Stelle trat die Arie «Ach windet euch nicht so, geplagte Seelen».

Warum Bach das Werk überarbeitete, ist nicht restlos geklärt. Christoph Wolff (siehe Literaturangaben unten) vermutet, er habe die Passion besser in den Zyklus der Choralkantaten einpassen wollen. Möglicherweise war der Eröffnungschor dem Kirchenrat auch zu opernhaft. Schon bei seinem Amtsantritt als Thomaskantor und Musikdirektor hatte Bach hören müssen, seine Kompositionen dürften «nicht zu lang währen» und «nicht opernhafftig herauskommen», sondern sollten «die Zuhörer vielmehr zur Andacht aufmuntern». Sein erster Wurf, die Johannespassion, gilt vielen als opernhaft und war mit rund zwei Stunden sicher lang.

Diese Fassung ist vollständig erhalten, wird aber selten aufgeführt. Auf YouTube findet sich eine hervorragende Aufnahme mit der Camerata Vocale München:

Fassung III (1732)

In der Fassung von 1732, aufgeführt am Karfreitag, dem 11. April, griff Bach erstaunlicherweise wieder auf den Eröffnungschor von 1724 («Herr, unser Herrscher») zurück. Den Choral-Eingangschor von 1725 hatte er inzwischen für die Matthäuspassion verwendet. Ausserdem strich er die Sätze, die sich auf das Matthäus-Evangelium bezogen, vermutlich um eine Überschneidung mit der 1727 entstandenen Matthäuspassion zu vermeiden. Damit entfielen unter anderem die Erdbebenszene und die Reue des Petrus samt den darauf folgenden Arien.

Für die entstandenen Lücken komponierte Bach neue Sätze, darunter eine instrumentale Sinfonia und eine Tenorarie. Er integrierte sie als Einlageblätter in das Material von Fassung II, indem er sie auf vorhandene Blätter aufnähte. Fassung III ist heute nicht aufführbar, da viele Teile der Partitur verloren gegangen sind.

Reinschrift (1739)

1739 plante Bach die Johannespassion erneut für den Karfreitag und begann mit einer Reinschrift. Der Leipziger Stadtrat verbot die Aufführung jedoch sehr kurzfristig. Er begründete dies mit «Bedencken wegen des Textes»: Das Werk enthalte zu opernhafte, «deklamatorische» Elemente. Möglicherweise fehlten dem Rat auch ein schmerzvoller Jesus sowie die Betonung von Busse und Schuldbewusstsein. Bach war tief gekränkt, liess ausrichten, es sei ihm gleichgültig, da er ohnehin nichts daran verdiene, und legte die Feder nieder. Das Projekt einer vollständigen Revision war damit vorerst gestoppt.

Auf den ersten 20 Seiten nutzte Bach die Reinschrift für eine stilistische und musikalische Verfeinerung: Er glättete Harmonien, passte die Rhythmik seinem reiferen Spätstil an und überarbeitete den Mittelteil des Eingangschors «Herr, unser Herrscher» sowie die Choräle Nr. 3 und Nr. 5 massgeblich. Die restlichen Sätze vollendete 1749, ein Jahr vor Bachs Tod, sein Schüler Johann Nathanael Bammler.

Fassung IV (1749)

Fassung IV ist die letzte dokumentierte Version, die unter Bachs eigener Leitung erklang, und zwar am Karfreitag, dem 4. April 1749, nur rund 15 Monate vor seinem Tod. Die Verweise auf das Matthäus-Evangelium kehrten zurück. Bach verstärkte den Bassbereich erheblich: Das Continuo wurde um ein «Cembalo» (oft als Cembalone oder grosses Begleitinstrument gedeutet) und ein «Bassono grosso» (Kontrafagott) erweitert, um in der grossen Leipziger Hauptkirche einen mächtigeren Fundamentklang zu erzeugen.

Ausserdem passte Bach die Texte einiger Arien an, nämlich Nr. 9 («Ich folge dir gleichfalls»), Nr. 19 («Betrachte, meine Seel») und Nr. 20 («Erwäge»). Die Musikwissenschaft vermutet dahinter den Einfluss der Leipziger Kirchenzensur oder den Zeitgeschmack der Aufklärung: Die teils drastisch-barocke Bildersprache der Urfassung wurde etwas «rationalisiert» und abgemildert. Zudem liess er die Arien nun von Solistinnen und Solisten singen statt von Mitgliedern des Chores.

Satz X aus Fassung IV (Carus-Verlag)

Welche Fassung singen wir?

Wir singen keine der vier historischen Fassungen (1724, 1725, 1732, 1749) in Reinform, sondern die sogenannte traditionelle Mischfassung, wie sie Arthur Mendel für die Neue Bach-Ausgabe (NBA) in 1970 aufbereitet hat. Neuere musikwissenschaftliche Ansätze versuchen, jeweils eine einzelne Fassung isoliert aufzuführen. Die NBA-Edition dagegen führt Quellen und Varianten zu einer editorischen Synthese zusammen. Sie besteht aus Fassung IV, wobei für die ersten zehn Sätze die Reinschrift zugrunde liegt. Die in Fassung IV geänderten Arientexte wurden durch die Texte aus Fassung I ersetzt.

Weiterführende Literatur

  1. Alfred Dürr (2025): Johann Sebastian Bach – Die Johannespassion
  2. Meinrad Walter (2024): Johann Sebastian Bach Johannes Passion – eine musikalisch-theologische Einführung.
  3. John Eliott Gardiner (2018): Bach: Musik für die Himmelsburg.
  4. Christoph Wolff (2005 ): Johann Sebastian Bach.

Die Bücher von Dürr und Walter sind relativ trocken und eher für Musikwissenschaftler gedacht. Das Buch von Gardiner ist sehr lesenswert und behandelt Werk und Leben von Bach. Wolff diskutiert alle Werke von Bach und ist auch sehr zu empfehlen.