Wer an Bachs Johannespassion denkt, denkt oft zuerst an die grossen Solopartien: an den Evangelisten, der die Passionsgeschichte erzählt, an die eindringlichen Arien, an die Stimme Jesu. Der Chor? Der scheint auf den ersten Blick eher eine Nebenrolle zu spielen – ein paar Choräle hier, ein kurzer Einwurf da.
Ein Blick auf die Stücke, in denen die einzelnen Stimmen mitwirken, zeigt: Dieser Eindruck täuscht gewaltig.
Die Zahlen sprechen für sich

Die Grafik zeigt es deutlich: Der Chor nimmt mit 52 Minuten das grösste Segment ein – noch vor Tenor, Bass, Sopran und Alt. Er ist damit an mehr Musik beteiligt als jede einzelne Solostimme für sich. Von einer «Nebenrolle» kann also keine Rede sein: Der Chor prägt einen grossen Teil der Aufführung mit – oft gemeinsam mit den Solist*innen, etwa wenn er in denselben Sätzen wie Bass oder Tenor auftritt.
Warum das so ist
Diese Präsenz verteilt sich auf mehrere zentrale Aufgaben:
Da sind zunächst die berühmten Turbachöre (12 Minuten) – die dramatischen, oft kurzen und hochenergetischen Einwürfe der aufgebrachten Menge, der Hohepriester oder der Soldaten («Kreuzige!», «Wir haben ein Gesetz», «Sei gegrüsset, lieber Judenkönig!»). Diese Chöre sind musikalisch enorm anspruchsvoll: schnell, rhythmisch komplex, voller Spannung – und sie treiben die Handlung der Passion überhaupt erst voran.
Dazu kommen die grossen Rahmenchöre (23 Minuten) – der monumentale Eingangschor «Herr, unser Herrscher» und der Schlusschor «Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine», die das Werk mit voller Wucht eröffnen und in stiller Trauer beschliessen.
Und schliesslich die Choräle (17 Minuten): jene schlichten, vierstimmigen Sätze, die dem Publikum immer wieder Raum zum Innehalten geben – ruhige Inseln inmitten des dramatischen Geschehens, ebenfalls vom gesamten Chor getragen.
Genau diese Präsenz macht die Johannespassion für uns Chor zu einem so lohnenden, aber auch fordernden Projekt: Wir sind nicht blosser Farbtupfer im Klanggeschehen, sondern tragen das Werk über weite Strecken mit.